Interviews
Filter - Leben 2.0
Aus dem VISIONS Heft #185
Wir reißen Richard Patrick aus einem Billard-Match im Backstage-Bereich von Rock am Ring, um über das neue Filter-Album "Anthems For The Damned" zu sprechen – und das kuriose letzte Treffen mit ihm. "Ach, VISIONS... Beim letzten Interview war ich noch aktiver Alkoholiker, oder?"
Das letzte Filter-Album "The Amalgamut" liegt rund sechs Jahre zurück. Das ist eine lange Zeit.
Eine zu lange Zeit, und es gibt zwei Gründe dafür: Erstens habe ich ein Jahr lang keine Musik gemacht. Zweitens arbeitete ich an meinem Projekt Army Of Anyone, das ich zusammen mit Robert und
Dean DeLeo sowie Ray Luzier gegründet habe. Das hat rund drei Jahre gedauert. Mit "Anthems For The Damned" habe ich im Mai 2007 begonnen. Hoffentlich wird es nie wieder so lange dauern. Aber ich
liebe eben Kooperationen. Selbst Filter ist darauf ausgelegt: Das Debütalbum "Short Bus" habe ich damals nur mit einem Toningenieur und einer Drum-Machine aufgenommen, die folgenden "Title Of
Record" und "The Amalgamut" spielte ich mit meiner jeweiligen Liveband ein.
Hatte das Jahr Auszeit auch etwas mit deinen Alkoholproblemen zu tun?
Klar. Ich bin trockener Alkoholiker. Ich habe extrem gelitten unter meiner Abhängigkeit. Mit 19 Jahren besoff ich mich ab und zu mal, mit 34 verbrachte ich jede Sekunde des Tages mit Alkohol. Ich
bin morgens um sieben aufgewacht und habe mit zittrigen Händen angefangen zu saufen, weil sonst gar nichts mehr ging.
Wann hast du aufgehört – an dem Datum, das auf deinen Arm tätowiert ist?
Ja, am 28. September 2002. Ich sollte einen Auftritt mit Stone Temple Pilots spielen, hatte aber so viele Tage am Stück getrunken, dass ich in den Spiegel schaute und mich selbst nicht mehr
erkannte. Da war nur dieser blasse, halbtote Mensch. Meine Organe starben langsam, mein Gesicht war gelb-grün. Ich dachte auch daran, mich umzubringen, aber das wäre ein Armutszeugnis gewesen.
Ich war ja immer ein Mensch, der etwas schafft, wenn er es wirklich will. Also wies ich mich selbst zum Entzug ein. Und was soll ich sagen: Seitdem bin ich nüchtern. Fünf Jahre komplette
Abstinenz. Zum Glück kam ich selbst darauf. Keiner kann einen Alkoholiker zum Aufhören bewegen. Mit Alkoholikern kann man nicht umgehen.
Du hast in deiner schlimmsten Phase noch eine Platte aufgenommen, "The Amalgamut", und warst auf Tournee. Wie geht das?
Das Kuriose ist: Meine Songs habe ich, so lange es ging, nüchtern geschrieben. Zumindest habe ich nicht direkt davor gesoffen. Deshalb hat es ja auch immer so lange gedauert, bis ein neues
Filter-Album erschien. Wenn du reich und berühmt bist, kommst du lange damit durch. Und wenn du Alkoholiker bist, siehst du darin das Ticket in die Freiheit. Ich hatte ja auch gar keinen Kontakt
mehr zu den Menschen, mit denen ich vor dem Trinken zu tun hatte. Die sind erst jetzt alle wieder da. (Pause) Ich bin sehr dankbar, dass ich es geschafft habe. Die meisten Alkoholiker schaffen es
nicht. Sie sterben, enden hinter Gittern oder als psychische Wracks. Ich habe Ex-Kollegen, die das gerade durchmachen. Auch ich musste in meiner Hochphase ein Six-Pack Bier trinken, um überhaupt
auf die Bühne gehen zu können. Ich hatte panische Angst davor, mein Leben ohne die Hilfe von Alkohol oder anderen Drogen leben zu müssen.
Nun gab es damals auch ein Aufeinandertreffen mit deutschen Journalisten – einen Interviewtag, an dem du unter anderem mit VISIONS sprachst. Alle Gespräche endeten im Desaster, das dann
allerorts den Weg an die Öffentlichkeit fand.
Oh ja, ich erinnere mich verschwommen. Ich war komplett besoffen. Das war der letzte Monat vorm Entzug... Ich übernehme die komplette Verantwortung für diese Artikel. Ich war krank, verstört, und
deshalb habe ich ein paar schlimme, schlimme Sachen gesagt. Das tut mir sehr Leid. Dennoch gebe ich auch manchen Journalisten die Schuld. Einige von ihnen haben einen Vorteil gezogen aus einer
sehr kranken Person. Das hätte nicht sein müssen. Denn letztlich haben sie einen besoffenen Idioten interviewt. Ich hoffe einfach, dass die Leser dieser Artikel aus meinem Verhalten nur zwei
Schlüsse ziehen: dass Alkoholismus eine schlimme Sache ist und dass es mir Leid tut, dass andere sich damit auseinandersetzen mussten.
Welchen Song hast du nach dem Entzug als Erstes geschrieben?
Das war "Kill The Day": "Close your eyes, the curtains that you like/ Push them away, it’s okay, kill the day." Du schließt deine Augen und die Vorhänge, weil du die Helligkeit nicht mehr
erträgst. Dann lügst du alle deine Freunde an, dass du keine Zeit hast, stößt sie weg und tötest den Tag. Es liegt eine schrecklich wunderbare Befreiung darin, sein Leben zu zerstören und das zu
zelebrieren. Und zu denken, dass man damit durchkommt. Über diese krankhafte Freude ist dieser Song.
Kann man sagen, dass du dich in einen fokussierteren Songschreiber verwandelt hast, seit du trocken bist?
Sehr sogar! Nehmen wir "Take A Picture". Dieses Lied klingt vielleicht ziemlich fröhlich, aber ich habe damals gelebt, was ich da singe: "Kannst du ein Foto von mir machen, weil ich mich nicht
erinnern werde?" Wenn ich das heute lese, ist es für mich der größte vorstellbare Hilferuf. Das Lied ist so traurig! Es wurde von einem Süchtigen geschrieben, damit die Welt seine Gedanken hört.
Dagegen ist ein neuer Song wie "Soldiers Of Misfortune" textlich so präzise wie es nur irgend geht.
Was bei einem Thema wie der amerikanischen Außenpolitik und deren Auswirkungen auch angebracht ist.
Wie willst du sonst einen Song schreiben, der gegen Krieg, aber für Soldaten ist? Wie soll das gehen? Das sind Menschen, die verwundet werden oder sterben. So ein Lied kannst du nicht zwischen
zwei Saufabenden schreiben. Wenn du besoffen bist, nimmst du "Title Of Record" auf, aber für so etwas bist du besser klar im Kopf.
Sogar auf dem Albumcover thematisierst du den Krieg deines Heimatlandes.
Weißt du, was das ist auf dem Cover? Das ist der Tod. Der Tod! Dieses Gewehr und dieser Helm auf dem Albumcover gehören meinem Freund. Er ist tot. Gestorben in Bagdad. Mit 22 Jahren. Ich muss
keine Monster auf meinem Cover haben – härter als die Realität kann es dieser Tage nicht werden.
Autor: Jochen Schliemann
Ausgabe: Visions #185